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Wie entstehen Pflanzengallen?



Eine Galle ist ein erstaunlich genau geformter Lebensraum, den eine Pflanze selbst aufbaut – nachdem ein anderes Lebewesen ihre Entwicklung am richtigen Ort beeinflusst hat. Hier erfahren Sie, wie aus einem Einstich, einem Ei oder einem winzigen Galltier ein neues Pflanzengewebe wird.


Das Galltier liefert nicht einfach fertiges „Baumaterial“. Es stößt Vorgänge an und lenkt sie; die Pflanze teilt und verändert ihre eigenen Zellen und baut daraus die Galle.

Eine Pflanzengalle ist ein örtlich begrenztes, neu gebildetes oder umgestaltetes Pflanzengewebe. Es entsteht als Reaktion auf einen Gallbildner – etwa ein Insekt, eine Milbe, einen Fadenwurm, einen Pilz oder ein Bakterium. Gallen können an Blättern, Knospen, Trieben, Wurzeln oder Blüten sitzen. Manche sind kaum sichtbar, andere bilden auffällige Kugeln, Hörnchen oder filzige Flächen.

Die genaue Form hängt oft eng mit der Gallbildnerart und der Wirtspflanze zusammen. Eine Galle ist also nicht bloß eine zufällige Verletzung: Sie ist ein Entwicklungsprogramm der Pflanze, das am falschen Ort oder zur ungewöhnlichen Zeit abläuft.

Besonders bekannte Gallbildner sind Gallwespen, Gallmücken, Gallmilben, Blattläuse und andere saugende Insekten. Auch Schmetterlingslarven, Blattwespen, Nematoden (Fadenwürmer), Pilze, Bakterien und manche Viren können gallenartige Neubildungen hervorrufen. Nicht jede Schwellung ist jedoch eine Galle: Verletzungen, Krankheiten und normale Knospenbildung können ähnlich aussehen.

Die folgenden Erklärungen beziehen sich vor allem auf tierische Gallbildner; pflanzliche Reaktionen auf Mikroorganismen können teilweise anders ablaufen.

  1. Passende Stelle
    Das Galltier wählt eine geeignete Pflanzenart und ein junges, entwicklungsfähiges Gewebe.
  2. Eiablage oder Fressen
    Einstich, Ei, Speichel und wiederholte Fressreize wirken örtlich zusammen.
  3. Signale treffen Zellen
    Mechanische Reize und abgegebene Stoffe verändern die Reaktionen der Pflanzenzellen.
  4. Wachstum wird umgelenkt
    Hormon- und Abwehrsignale sowie Genaktivität verschieben sich; Zellen teilen oder vergrößern sich.
  5. Galle reift
    Die Pflanze formt Schutz- und Nährgewebe. Im Inneren lebt und frisst oft die Larve oder Milbe.

Der Ablauf ist ein vereinfachtes Modell. Je nach Gallbildner, Pflanze und Gallenform können die Schritte unterschiedlich stark ausgeprägt oder zeitlich versetzt sein.

Schaubild zur Entstehung einer Pflanzengalle

Mechanische Reize

Der Legebohrer einer Wespe, ein Einstich, das Raspeln und Saugen oder die Bewegungen einer Larve können Zellen verletzen und Druck- oder Wundsignale auslösen. Auch das wiederholte Berühren und Fressen an einer sehr kleinen Stelle kann wichtig sein. Ein mechanischer Reiz allein erklärt die präzise Form vieler Gallen aber nicht.

Sekrete und andere chemische Signale

Gallbildner geben beim Fressen oder bei der Eiablage Speichel, Sekrete oder Ausscheidungen ab. Darin können Stoffe enthalten sein, die Pflanzenreaktionen verändern. Für einzelne Systeme gibt es Hinweise auf Hormone oder hormonähnliche Stoffe; bei vielen Gallwespen, Gallmücken und Gallmilben sind die entscheidenden Moleküle jedoch noch unbekannt. Daher sollte man nicht behaupten, ein bestimmter Stoff erkläre alle Gallen.

Zusammenspiel statt Einzel-Auslöser: Eine Galle entsteht meist aus der Wechselwirkung von Wirtspflanze, Gallbildner, Gewebealter, Ort und Zeitpunkt. Die Signale des Galltiers beeinflussen die pflanzliche Steuerung – die lebenden Pflanzenzellen führen den Bau aus.

Pflanzenhormone sind Botenstoffe, die Wachstum, Entwicklung und Abwehr steuern. Bei Gallen ist nicht ein einzelnes „Gallhormon“ für alle Fälle verantwortlich. Entscheidend sind lokale Konzentrationen, Transportwege und das Zusammenspiel mehrerer Signale.

Auxin

Steuert unter anderem Zellstreckung, Zellteilung und die Anordnung von Leitgewebe. Veränderte Auxin-Produktion oder -Verteilung wird in vielen Galltypen beobachtet oder vermutet.

Cytokinin

Fördert häufig Zellteilung und kann beeinflussen, wie lange Zellen teilungsfähig bleiben. Es wirkt eng mit Auxin zusammen.

Jasmonat & Salicylsäure

Beide sind wichtige Signale der pflanzlichen Abwehr. In Gallen kann ihre Wirkung abgeschwächt, umgelenkt oder lokal begrenzt sein – je nach System.

Ethylen

Ein gasförmiger Botenstoff, beteiligt an Stressreaktionen, Reifung und Wachstum. Seine Rolle hängt stark von Pflanze und Gallbildner ab.

ROS

„Reaktive Sauerstoffspezies“ sind kurzlebige, reaktionsfreudige Moleküle. In kontrollierter Menge dienen sie auch als Signale bei Wund-, Abwehr- und Entwicklungsreaktionen.

Genaktivität

Signale können Gene an- oder abschalten. So verändert sich, welche Proteine und Baustoffe eine Zelle herstellt und welche Aufgabe sie übernimmt.

  • Mehr Zellteilung – Hyperplasie: Es entstehen zusätzliche Zellen, etwa in wachsenden Schichten der Galle.
  • Größere Zellen – Hypertrophie: Einzelne Zellen schwellen an oder wachsen über ihre normale Größe hinaus.
  • Neue Gewebeanordnung: Zellen werden anders spezialisiert; die Galle kann eine äußere Hülle, Nährschichten und eine Larvenkammer ausbilden.
  • Zellwände und Festigkeit: Zellwände können verdickt, verstärkt oder chemisch verändert werden. Das beeinflusst Schutz, Form und Bissfestigkeit.
  • Leitgewebe und Versorgung: In vielen Gallen ändern sich die Leitbündel oder bilden sich neu. Wasser, Zucker und weitere Nährstoffe werden zur Galle geleitet.
  • Stoffwechsel: Zucker, Aminosäuren und weitere Stoffe können lokal angereichert werden. Pigmente, Gerbstoffe und Abwehrstoffe verändern sich ebenfalls.

Eine Nährstoffsenke ist ein Gewebe, das Stoffe anzieht und verbraucht, statt sie nur weiterzugeben. Die Galle kann von der Pflanze mit Zucker und anderen Nährstoffen versorgt werden. Für die Larve entsteht damit ein gut erreichbarer Futterplatz; je nach Galle gibt es zusätzlich eine geschützte Kammer und ein günstiges Mikroklima. Die Galle dient dem Gallbildner meist als Nahrung, Schutz und Entwicklungsraum.

Die Pflanze profitiert davon nicht automatisch. Gallen können sie belasten oder Blätter und Triebe verformen. Manche Gallen sind für den Wirt nur wenig schädlich; bei anderen hängt der Effekt von Anzahl, Pflanzenart und Umwelt ab.

Gallmilben sind mikroskopisch kleine, wurmförmige Spinnentiere. Viele leben an ganz bestimmten Pflanzenarten oder sogar auf bestimmten Pflanzenteilen. Beim Saugen geben sie Stoffe ab und setzen die empfindlichen jungen Zellen lokalen Reizen aus. Darauf können Blätter etwa mit Filz, kleinen Beuteln oder Hörnchen reagieren. Einige Gallmilben leben in Knospen und führen zu vergrößerten, rosettenartigen Knospengebilden.

Bei Filzgallen wachsen besonders viele Pflanzenhaare (Trichome) an der Blattunterseite. Die dichten Haare bilden einen filzigen Belag und bieten den Milben einen geschützten Lebensraum. Hörnchengallen auf Lindenblättern sind dagegen kleine, spitze Ausstülpungen der Blattoberfläche. Es sind unterschiedliche Formen und nicht jede sichtbare Galle wird von derselben Milbenart erzeugt.

Die Zeichnungen sind eigens für diese Seite angefertigte botanische Illustrationen. Sie zeigen typische Beispiele schematisch; Größenverhältnisse und Farbgebung können in der Natur variieren.

Gallenform Eigene Illustration und typisches Beispiel Wie sieht sie aus? Beispielhafter Gallbildner
Filzgalle (Erineum)
Blattunterseite: kleine Filzpolster an den Aderwinkeln.
Dichte Pflanzenhaare bilden kleine filzige Flecken, oft an der Blattunterseite. Gallmilben, z. B. Filzgallmilben an Ahorn (Acer).
Beutelgalle
Gestielte Beutelgallen auf einem Ulmenblatt.
Blattgewebe wölbt sich beutel- oder taschenförmig nach oben oder unten. Blattläuse, z. B. die Ulmenblasenlaus Tetraneura ulmi.
Blattrandrollung
Beide Blattränder des Duftveilchens sind nach oben eingerollt.
Der Blattrand rollt sich ein und kann verdicken oder fleischig werden. Gallmücke Dasineura odoratae am Duftveilchen (Viola odorata).
Hörnchengalle
Sehr kleine Hörnchen auf einem Lindenblatt.
Kurze, spitze, oft rötliche oder gelbliche Ausstülpungen auf der Blattoberseite. Gallmilben an Linde (Tilia), etwa Eriophyes tiliae.
Kugelgalle (Gallapfel)
Eine kugelige Galle am Eichenlaub.
Rundliche, fleischige oder später feste Galle, oft mit einer Kammer im Inneren. Gallwespen (Cynipidae) an Eiche (Quercus).
Knospengalle
Ungewöhnlich vergrößerte Haselknospe.
Eine Knospe wird vergrößert, bleibt geschlossen oder bildet eine rosettenartige Gestalt. Haselnuss-Knospengallmilbe Phytoptus avellanae.
Triebgalle
Längliche Spindelgalle im jungen Weidentrieb.
Ein Zweig oder Stängel verdickt sich knotig oder spindelförmig. Minierfliege Hexomyza simplicoides an Weide (Salix).
Umwallungsgalle
Spiralige Umwallung am Blattstiel einer Pappel.
Der Blattstiel wächst spiralig um eine Blattlauskolonie herum und umschließt sie. Pappelblattlaus Pemphigus spyrothecae an Pappel (Populus).

Gut belegt

Gallen bestehen aus Pflanzengewebe. Viele zeigen gesteigerte Zellteilung, vergrößerte Zellen, veränderte Genaktivität und eine gezielte Nährstoffversorgung. Pflanzenhormone, vor allem Auxin und Cytokinin, sowie Abwehrsignale sind in zahlreichen Systemen beteiligt. Gallbildner profitieren häufig von Nahrung und Schutz.

Aktive Forschung

Bei vielen Arten kennt man die ersten auslösenden Moleküle noch nicht. Auch ist nicht immer klar, ob Hormone vom Gallbildner stammen, von der Pflanze gebildet werden oder ob beide Seiten beitragen. Wie genau eine Gallwespe, Gallmücke oder Gallmilbe die charakteristische Form steuert, ist für viele Gallen noch ungeklärt. Wahrscheinlich gibt es nicht einen universellen Mechanismus für alle Gallen.

  1. Harris, M. O. & Pitzschke, A. (2020): Plants make galls to accommodate foreigners: some are friends, most are foes. New Phytologist. doi:10.1111/nph.16340.
  2. Huang, M.-Y. et al. (2021): Recent Progress Regarding the Molecular Aspects of Insect Gall Formation. International Journal of Molecular Sciences 22:942. Volltext (PMC).
  3. Suzuki, Y. & Tokuda, M. (2023): Insect gall induction and phytohormones. Regulation of Plant Growth & Development 58:105–111. doi:10.18978/jscrp.58.2_105.
  4. Tooker, J. F. & Helms, A. M. (2014): Phytohormone dynamics associated with gall insects, and their potential role in the evolution of the gall-inducing habit. Journal of Chemical Ecology 40:742–753. doi:10.1007/s10886-014-0457-6.
  5. Royal Horticultural Society: Lime nail gall mite – Hörnchengallen auf Lindenblättern. RHS.
  6. Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft: Angaben zu Filzgallen an Ahorn und Aceria cephalonea am Feldahorn. LWF Bayern; Beitrag zum Feldahorn (PDF).
  7. INRAE Ephytia: Phytoptus avellanae, Haselnuss-Knospengallmilbe. INRAE.
  8. Dasineura odoratae an Viola odorata: Artenkonto „Gales de Catalunya“. Artenkonto.

Die Illustrationen sind eigens angefertigte schematische Darstellungen und keine Fotografien oder maßstabsgetreuen Abbildungen. Wissenschaftlicher Stand der Textgrundlage: Oktober 2026.