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Pflanzengallen - Systematik der Inquilinen bei Gallmilben


Stand 29. September 2026 – Inquiline Gallmilben; Systematik bis zur Gattungsebene, Arten als biologische Beispiele

Diese Übersicht erfasst Gattungen von Eriophyoidea, für die mindestens ein belastbarer Inquilinen-Nachweis oder ein ausdrücklich diskutierter Inquilinennachweis vorliegt. Die Gattung selbst ist deshalb nicht zwangsläufig „inquilin“: Bei vielen Gattungen betrifft das Verhalten nur einzelne Arten. Die aufgeführten Arten sind keine zusätzliche systematische Rangstufe, sondern dokumentierte Beispiele für das biologische Verhalten.

Was bedeutet hier „Inquiline“?
Als Inquiline wird hier eine Gallmilbe bezeichnet, die eine bereits von einem anderen Organismus erzeugte Gallbildung als Lebensraum nutzt, ohne selbst deren eigentliche Bildung zu verursachen. Bei Eriophyoidea sind sowohl Gallen anderer Gallmilben als auch Gallen anderer Gallbildner, insbesondere Gallmücken, dokumentiert. Da „Inquiline“ in der älteren Literatur nicht immer einheitlich verwendet wurde, werden sichere, wahrscheinliche und historisch unsichere Fälle getrennt gekennzeichnet.1
Status der Arten:
✓ sicher belegt = die Quelle bezeichnet die Art ausdrücklich als Inquiline oder der Zusammenhang ist eindeutig dokumentiert.
? wahrscheinlich / diskutiert = die Inquilinendeutung wird in der Literatur vertreten, ist aber nicht eindeutig abgesichert.
(historisch) = ältere Angabe, deren heutige biologische oder taxonomische Interpretation unsicher ist.
  • Überfamilie Eriophyoidea Nalepa
  • Familie Eriophyidae Nalepa, 1898
  • Unterfamilie Cecidophyinae Keifer, 1966
    • Cecidophyini
    • Gattung:

      • Cecidophyopsis Keifer, 1966
      • ? Cecidophyopsis grossulariae – als Blattbewohner beschrieben und als Inquiline in Knospengallen von C. ribis dokumentiert.2
      • (historisch) Cecidophyopsis vermiformis – klassisch als Inquiline in großen Knospengallen von Phytoptus avellanae und auch in anderen Gallmilbengallen angegeben; neuere Arbeiten zeigen jedoch, dass die Art selbst an der Entstehung von „big buds“ beteiligt sein kann.3

      Inquilinenstatus:

      Sicher bzw. diskutiert bei einzelnen Arten. Besonders bei C. grossulariae ist die inquiline Lebensweise in C. ribis-Gallen dokumentiert; bei C. vermiformis ist die ältere Inquilinendeutung heute biologisch nicht mehr eindeutig.2 3

  • Unterfamilie Eriophyinae Nalepa, 1898
    • Acerini
    • Gattung:

      • Aceria Keifer, 1944
      • ? Aceria trichophila – wurde auf Quercus ilex zusammen mit A. ilicis in Erineen gefunden; die Autoren halten es für möglich, dass A. trichophila als Inquiline in den von A. ilicis erzeugten Erineen lebt. Der Inquilinismus ist damit ausdrücklich diskutiert, aber nicht abschließend nachgewiesen.18

      Inquilinenstatus:

      Diskutiert bei A. trichophila. Die verfügbare Literatur behandelt die Art als möglichen Inquilinen der Erineen von Aceria ilicis; ein gesicherter Inquilinenstatus liegt nicht vor.18

    • Eriophyini
    • Gattung:

      • Eriophyes von Siebold, 1851
      • ✓ Eriophyes prunidemissae – reproduziert in Knospen und dringt später in Gallen ein, die von E. emarginatae erzeugt werden; dort kann die Art die Gallbildnerin zahlenmäßig übertreffen.4

      Inquilinenstatus:

      Sicher bei einzelnen Arten. Der Fall E. prunidemissae ist durch eine detaillierte biologische Untersuchung ausdrücklich belegt.4

  • Unterfamilie Phyllocoptinae Nalepa, 1892
    • Anthocoptini
    • Gattungen:

      • Aculops Keifer, 1966
      • ✓ Aculops acericola – Inquiline in Erineen von Eriophyes psilomerus auf Acer pseudoplatanus; die neuere britische Übersicht betont ausdrücklich, dass die Art nicht selbst die betreffende Erinee verursacht.5
    • Aculus Keifer, 1959
    • ✓ Aculus dormitor – Inquiline in den Gallen von Phyllocoptes didelphis auf Populus tremuloides.6
    • ? Aculus minutissimus – mit rotem Ahorn-Erineum verbunden; die Art wird als möglicher Inquilin geführt; die Rollen von Gallbildner und Inquilin sind jedoch nicht abschließend geklärt.7
    • Anthocoptes Nalepa, 1892
    • ✓ Anthocoptes ericameriella – ausdrücklich als Inquiline in Gallmückengallen (Cecidomyiidae) angegeben.8

    Inquilinenstatus:

    Sicher belegt bei einzelnen Arten. Die drei genannten Beispiele zeigen zugleich unterschiedliche Situationen: Inquilinen in Erineen anderer Gallmilben, in geschlossenen Gallbildungen und in Gallen von Gallmücken.5 6 8

  • Acaricalini
  • Gattung:

    • Acaricalus Keifer, 1940
    • ? Art nicht sicher festgelegt – für Acaricalus werden Funde in durch andere Gallmilben verursachten Knospen- bzw. Gewebeschäden als mögliche Inquilinensituation diskutiert; ein eindeutiger artspezifischer Nachweis konnte hier nicht abgesichert werden.9

    Inquilinenstatus:

    Nur diskutiert. Die Gattung bleibt deshalb in der Übersicht, die konkrete Art wird nicht als gesicherter Inquilin geführt.9

  • Phyllocoptini
  • Gattungen:

    • Epitrimerus Nalepa, 1892
    • ✓ Epitrimerus fagi – lebt als Inquiline in den Gallen von Acalitus plicans auf Buche.10
    • Monochetus Nalepa, 1898
    • ? Monochetus sulcatus – bei den Buchen-Gallen von Acalitus plicans als mögliche zweite Art neben E. fagi genannt; es bleibt offen, ob sie selbst Gallbildner oder Inquiline ist.10
    • Phyllocoptes Nalepa, 1887
    • ✓ Phyllocoptes thymi – als Inquiline in den Gallbildungen von Aculus minor auf Thymus serpyllum angegeben.11
    • ✓ Phyllocoptes canarii – als Gall-Inquiline auf Canarium littorale geführt.12
    • ✓ Phyllocoptes heterozonus – ebenfalls als Gall-Inquiline auf Canarium littorale geführt.12

    Inquilinenstatus:

    Epitrimerus und Phyllocoptes: sicher bei einzelnen Arten. Monochetus: unsicher; der Fall M. sulcatus bleibt zwischen Gallbildner und Inquiline offen.10–12

  • Tegonotini
  • Gattungen:

    • Shevtchenkella Bagdasarian, 1978
    • (historisch) Shevtchenkella serrata – ältere Literatur führte die Art als Inquiline auf Acer; neuere Untersuchungen zeigen dagegen eine eigenständige, saisonal dimorphe Lebensweise auf Blatt- und Fortpflanzungsorganen.13
    • Tegonotus Nalepa, 1890
    • (historisch) Tegonotus serratus – ältere Angaben nennen die Art im Zusammenhang mit Erineen auf Acer; die heutige biologische Einordnung als Inquiline ist nicht ausreichend abgesichert.14

    Inquilinenstatus:

    Historisch bzw. unsicher. Diese Gattungen werden nicht zu den gesicherten Inquilinen gerechnet; die historischen Angaben bleiben als solche kenntlich.13 14

  • Familie Diptilomiopidae Keifer, 1944
  • Unterfamilie Diptilomiopinae Keifer, 1944
  • Gattungen:

    • Diptilomiopus Nalepa, 1916
    • ✓ Diptilomiopus javanicus – ursprünglich ausdrücklich als Inquiline in zweilappigen Gallen beschrieben, die von Aceria hemigraphidis auf Hemigraphis confinis verursacht werden.15
    • ✓ Diptilomiopus cerinus – 1952 ausdrücklich als Inquiline auf Erineen von Coprosma australis beschrieben.16
    • Diptacus Keifer, 1951
    • ✓ Diptacus sacramentae – als kommensaler Inquiline in einer von einer anderen Gallmilbe erzeugten Gallbildung dokumentiert.17

    Inquilinenstatus:

    Sicher bei einzelnen Arten. Bei Diptilomiopus liegen ausdrücklich als Inquilinen beschriebene Arten vor; auch für Diptacus ist ein entsprechender Fall dokumentiert.15–17

    Fußnoten und Erläuterungen

    1. 1. Der Begriff „Inquiline“ wird in der Eriophyoidea-Literatur nicht völlig einheitlich verwendet. Für Erineen auf Acer weist die British Plant Gall Society ausdrücklich darauf hin, dass historische Angaben teilweise neu bewertet werden müssen. British Plant Gall Society, A provisional key to eriophyoid mite erinea on Acer in Britain.
    2. 2. Cecidophyopsis grossulariae wird als foliare Art beschrieben, die in Knospengallen von C. ribis als Inquiline leben kann. Moročko-Bičevska et al. 2022, Annals of Applied Biology.
    3. 3. Cecidophyopsis vermiformis wurde klassisch als harmloser Inquiline in den großen Knospengallen von Phytoptus avellanae betrachtet. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass C. vermiformis selbst an der Entstehung bzw. Entwicklung der großen Knospen beteiligt sein kann und dass ihre genaue Rolle weiterhin teilweise ungeklärt ist. Plant Health Australia 2024; Can Pest Management and Cultivar Affect Phytoptus avellanae Infestations on Hazelnut? 2024.
    4. 4. Eriophyes emarginatae verursacht die Finger- bzw. Keulen-Gallen auf Prunus. E. prunidemissae vermehrt sich zunächst in Knospen und dringt später in die von E. emarginatae erzeugten Gallen ein. Oldfield 1969, Annals of the Entomological Society of America 62: 269–277.
    5. 5. Aculops acericola wird in der aktuellen britischen Übersicht ausdrücklich als Inquiline in Erineen von Eriophyes psilomerus auf Acer pseudoplatanus interpretiert. Die Übersicht diskutiert zugleich ältere Synonymisierungen mit Aculops aceris. British Plant Gall Society.
    6. 6. Aculus dormitor wird in der USDA-Darstellung ausdrücklich als Inquiline in den Gallen von Phyllocoptes didelphis auf Zitterpappel angegeben. Gallformers, Quellenangabe nach Keifer et al. 1982.
    7. 7. Aculus minutissimus ist mit Erineen auf Acer rubrum verbunden; die verfügbare Zusammenstellung führt die Art ausdrücklich mit dem Hinweis „may be an inquiline“. Der Fall bleibt daher offen. Gallformers.
    8. 8. Anthocoptes ericameriella wird im Eriophyoidea ID ausdrücklich als Inquiline in Gallen von Gallmücken (Cecidomyiidae) angegeben. Eriophyoidea ID – Anthocoptes.
    9. 9. Für Acaricalus ist ein artspezifischer Inquilinennachweis nicht eindeutig belegt; die Gattung wird daher nur als diskutierter Fall geführt.
    10. 10. Epitrimerus fagi wird als Inquiline in den Buchen-Gallen von Acalitus plicans geführt; Monochetus sulcatus wird dagegen als mögliche Gallbildnerin oder Inquiline derselben Gallen beschrieben. Zusammenstellung mit Verweisen auf W. N. Ellis, Plant Parasites of Europe; die dort zitierte Artseite zu Monochetus sulcatus hält die Alternative ausdrücklich offen.
    11. 11. Phyllocoptes thymi wird in der faunistischen Übersicht zu Südtirol ausdrücklich als Inquiline in den Gallbildungen von Aculus minor auf Thymus serpyllum angegeben. Hellrigl, Faunistik der Gallmilben Südtirols.
    12. 12. Phyllocoptes canarii und P. heterozonus sind in einer taxonomischen Übersicht der Eriophyoidea von Canarium als „Gall inquiline“ aufgeführt. Xu et al. 2017, Acarologia 57.
    13. 13. Shevtchenkella serrata wurde historisch als Inquiline genannt. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch zwei saisonale Formen und eine Lebensweise auf Blattunterseiten, Knospen, Samaren und Keimlingen; die Arbeit interpretiert die Art als vagrant und bestätigt keinen Inquilinismus in einer fremden Gallbildung. Desnitskiy et al. 2023.
    14. 14. Die British Plant Gall Society nennt historische Angaben zu Oxypleurites serratus (= Shevtchenkella serrata) und einer Tegonotus-Art als Inquilinen in Erineen auf Acer. Wegen der historischen und nomenklatorischen Unsicherheit wird der Fall hier nicht als sicherer aktueller Inquilinennachweis gewertet. British Plant Gall Society.
    15. 15. Diptilomiopus javanicus wurde als Inquiline in zweilappigen Gallen beschrieben, die durch Aceria hemigraphidis auf Hemigraphis confinis verursacht werden. Die spätere Gattungsrevision bestätigt diese historische Beschreibung. Nomenclatural changes and new synonymy in Diptilomiopus.
    16. 16. Diptilomiopus cerinus wurde 1952 mit der ausdrücklichen Angabe „Inquiline on erinose leaves“ auf Coprosma australis beschrieben. Die Erinee war zuvor Phyllocoptes coprosmac zugeschrieben worden. Lamb 1952, Transactions and Proceedings of the Royal Society of New Zealand 80.
    17. 17. Diptacus sacramentae wird als kommensaler Inquiline in Gallen von Eriophyes laevis auf Alnus angegeben; die Art lebt ansonsten auch vagrant auf der Blattunterseite. Dorset Nature, Eriophyes laevis; vgl. auch Chinery, Britain's Plant Galls.
    18. 18. Bei Untersuchungen an Quercus ilex wurden Aceria ilicis und Aceria trichophila gemeinsam in Erineen nachgewiesen. Die Autoren halten es für möglich, dass A. trichophila eine inquiline Art der von A. ilicis erzeugten Erineen ist; dies wird ausdrücklich als Möglichkeit und nicht als gesicherter Nachweis formuliert. Estrada-Venegas et al. 2016, Folia Entomológica Mexicana 2(2): 24–32.

    Literatur – zentrale Quellen

    • Alford, D. V. (2012): Pests of Ornamental Trees, Shrubs and Flowers, 2nd ed.
    • Estrada-Venegas, E. G. et al. (2016): Primeras citas fidedignas del género Aceria asociado a Quercus ilex L. y Q. coccifera L. para el nordeste de la Península Ibérica. Folia Entomológica Mexicana 2(2): 24–32.
    • British Plant Gall Society (2026): A provisional key to eriophyoid mite erinea on Acer in Britain.
    • Desnitskiy, A. et al. (2023): Deuterogyny and the association of two vagrant eriophyoid mites ... Zoological Studies 62:35.
    • Hellrigl, K.: Faunistik der Gallmilben Südtirols (Acari: Eriophyoidea).
    • Lamb, K. P. (1952): A new species of Diptilomiopus ... Transactions and Proceedings of the Royal Society of New Zealand 80.
    • Moročko-Bičevska, I. et al. (2022): Cecidophyopsis mites and blackcurrant reversion virus on Ribes hosts. Annals of Applied Biology. DOI 10.1111/aab.12720.
    • Oldfield, G. N. (1969): The biology and morphology of Eriophyes emarginatae and notes on E. prunidemissae. Annals of the Entomological Society of America 62: 269–277.
    • Xu, X.-Q. et al. (2017): A new eriophyid mite species in the genus Tegonotus ... Acarologia 57: 901–911.
    • Xue, X.-F. et al. (2024): Phylogenomics resolves the higher-level phylogeny of herbivorous eriophyoid mites. BMC Biology.

    Abgrenzung: Das bloße Auftreten einer Gallmilbe in einer Gallbildung gilt hier nicht als ausreichender Inquilinenachweis; berücksichtigt werden nur ausdrücklich beschriebene oder diskutierte Inquilinenfälle.